Interview: „Warum sollen junge Menschen ihr Leben riskieren, wenn ihre Stimme kaum zählt?“
11.03.2026 | Blog
Die Welt wirkt unsicherer – und politische Entscheidungen greifen früher und direkter ins Leben junger Menschen ein. Sara Finazzi Agrò und Marlene Flintrop sprechen mit Prof. Dr. Hanna Christiansen über Stress, Resilienz und Generationengerechtigkeitim Kontext des Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (WDModG). Ein Expert:inneninterview Dr. Hanna Christiansen ist W3‑Professorin für Klinische Kinder‑ und Jugendpsychologie an der Philipps‑Universität Marburg.
Überforderung, Stress & Frustration: Wie Jugendliche mit Krieg und Wehrpflicht umgehen.
KRF-Frage: Welche Coping-Mechanismen helfen gegen Stress und Frustration, die durch die aktuelle weltpolitische Lage und die neue Wehrerfassung entstehen?
Prof. Dr. Christiansen: Reden hilft. Also sich Personen suchen, denen man vertraut und mit ihnen über die Belastungen reden. Auch Sport und körperliche Aktivität helfen gegen Stress, wie auch positive Aktivitäten mit anderen. Wenn es um politische oder gesellschaftliche Ereignisse geht, kann auch „collective action“, also ein gemeinsames Engagement für oder auch gegen etwas helfen und v.a. das Gefühl vermitteln, nicht ohnmächtig zu sein, sondern Handlungsoptionen zu haben. Beispielhaft hat dies Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik fürs Klima gezeigt, aus der dann die Fridays For Future Bewegung hervorgegangen ist, die v.a. von jungen Leuten getragen wird.
KRF-Frage: Wie sieht eine „Informations-Hygiene“ aus, die es Jugendlichen ermöglicht, über Wehrdienst und Weltlage informiert zu bleiben, ohne psychisch auszubrennen?
Prof. Dr. Christiansen: Generell beobachten wir, dass „zu viel“ Medienkonsum auch belastend sein kann. Dies hat sich u.a. auch während der Covid-19 Pandemie gezeigt. Hier gilt es, Informationen dosiert aufzunehmen und nach Möglichkeit aus verschiedenen Perspektiven. Es ist hilfreich, sich dabei auch Unterstützung durch andere Personen, wie gute Freunde, Eltern oder Erwachsene, denen vertraut wird, zu holen. D. h. wo finde ich was für Informationen, die mir auch bei einer Entscheidungsfindung helfen können.
KRF-Frage: Inwiefern kann aktives Engagement (z. B. Teilnahme an der gesellschaftlichen Debatte oder soziales Handeln) die eigene psychische Widerstandskraft stärken?
Prof. Dr. Christiansen: Anderen helfen ist ein zentraler Faktor für psychische Gesundheit. Aus Studien zu depressiven Störungen wissen wir, dass anderen helfen mit positiven Stimmungsveränderungen einhergeht. Insofern ist ein aktives Engagement ein Schutzfaktor. Wenn es dann auch noch, z. B. wie bei FFF, auf ein konkretes gemeinsames Ziel ausgerichtet ist, kann das Entlastungserleben hoch sein.
KRF-Frage: Wie können Jugendliche das Gespräch mit Eltern oder Verwandten suchen, wenn deren Sicht auf Pflicht und „Dienen“ (z. B. aus einer anderen Generation heraus) stark von der eigenen abweicht?
Prof. Dr. Christiansen: Eine positive innerfamiliäre Kommunikation ist ein zentraler Schutzfaktor für psychische Belastungen. Das haben verschiedene Studien während der Covid-19 Pandemie gezeigt, und zeigen auch Studien zu Kindern von Eltern mit psychischen Belastungen. Wenn die Perspektiven von Kindern und Eltern allerdings sehr entgegengesetzt sind und auch eine positive Diskussion nicht möglich ist, können andere Personen hilfreich sein, z. B. Gleichaltrige oder erwachsene Personen zu denen die Jugendlichen eine vertrauensvolle Beziehung haben, z. B. Lehrkräfte, Trainer:innen u.a. Ole Nymoens Buch „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ kann auch eine Informationsquelle sein, da sich hier ein nahezu Gleichaltriger an seine Generation wendet.
KRF-Frage: Ab welchem Punkt ist die Belastung durch diese Zukunftsthemen so groß, dass man sich Unterstützung suchen sollte (statt es allein mit sich auszumachen)?
Prof. Dr. Christiansen: Wenn ich merke, dass ich viel grübele, mich sorge, aufgrund dessen schlechter schlafe, mich schlechter konzentrieren kann, dauerhaft gedrückter Stimmung bin und weniger Freude an Aktivitäten habe, die mir zuvor Spaß gemacht haben (Zeitkriterium mindestens über zwei Wochen hinweg), sollte ich nicht versuchen, die Belastung allein zu lösen, sondern mir Hilfe suchen.
KRF-Frage: Wo finden Jugendliche Anlaufstellen, wenn sie merken, dass der Stress überhandnimmt?
Prof. Dr. Christiansen: Das können psychotherapeutische Ambulanzen, psychosoziale Beratungsstellen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut:innen sein, aber auch die Schulpsychologie, Sozialarbeiter:innen in Schulen, Kirchen, Vereine und anderes sein. Die Nummer gegen Kummer und Krisenchat sind 24/7 niedrigschwellig erreichbar und hoch akzeptiert.
Fachliche Einschätzung zu Sorgen und Ängsten Jugendlicher
KRF-Frage: Angesichts der Tatsache, dass Kriegsangst laut Umfragen für 81% der Jugendlichen eine große Sorge darstellt: Wie beurteilen Sie die Wirkung, wenn diese abstrakte Angst durch einen verpflichtenden Fragebogen plötzlich zur behördlich relevanten Realität wird?
Prof. Dr. Christiansen: Die Angst ist ja schon da, durch den Fragebogen wird sie also nicht ausgelöst, sondern aktualisiert. Die Jugendlichen sollten allerdings ihre Stimme erheben und die Politik zu Antworten herausfordern – warum sollen sie ihr Leben fürs Land auf Spiel setzen, wenn sie mit 17 Jahren noch nicht einmal wählen dürfen, ihre Belange in der Politik aktuell kaum eine Rolle spielen, sondern die aktuellen Entscheidungen alle zu Lasten der jungen Generation gehen (Klimawandel, Renten, bezahlbarer Wohnraum, Verlust des Sozialstaates u.a.m.). Das ist eine große Generationenungerechtigkeit und nun wird auch noch das Leben der jungen Menschen fürs Land gefordert, das sich kaum für sie engagiert und ihre Interessen nicht ins Zentrum der Politik stellt. Das ist schwer vermittelbar.
KRF-Frage: Welches Risiko sehen Sie, dass die verpflichtende Erfassung und Musterung bei psychisch vorbelasteten jungen Menschen bestehende Ängste oder Stresssymptome massiv verstärkt?
Prof. Dr. Christiansen: Das kann stressverstärkend wirken. Gleichzeitig sind psychische Belastungen wahrscheinlich auch ein Grund für „Dienstuntauglichkeit“, so dass dies auch ein Ausweg aus der Situation sein kann. Generell sehen wir einen starken Anstieg psychischer Belastungen und Störungen der jungen Menschen. Psychische Störungen zeichnen sich durch eine frühe Erstmanifestation aus – 50 % vor dem 15. Lebensjahr, 75 % vor dem 25. (Kessler et al. 2005; McGrath et al. 2023; Solmi et al. 2022) – und sind Weichensteller für die weitere Entwicklung. Die aktuellen Zahlen alarmieren: Weltweit leidet etwa jeder achte junge Mensch an einer psychischen Störung. Zwischen 2007 bis 2022 haben sich psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen nahezu verdoppelt, während sich ihr psychisches Wohlbefinden halbiert hat (McGorry et al. 2024). Im aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 30. Juni 2025 wird Einsamkeit als erhebliches globales Gesundheitsrisiko identifiziert. Rund ein Sechstel der Weltbevölkerung ist davon betroffen; dies geht jährlich mit 871.000 vorzeitigen Todesfällen einher. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche: Zwischen 17-21 % der 13- bis 29-Jährigen berichten über Einsamkeitsgefühle. Einsamkeit und soziale Isolation wirken sich sowohl physisch als auch psychisch aus. Bei jungen Menschen sind sie signifikant mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen, suizidale Gedanken sowie mit schlechteren schulischen Leistungen und langfristig ungünstigen Erwerbsbiografien assoziiert. Jugendliche, die von Einsamkeit betroffen sind, erzielen im Schnitt um 22 % geringere schulische Leistungen. Besonders vulnerable Gruppen sind Jugendliche mit Behinderungen, Migrationshintergrund oder Zugehörigkeit zu marginalisierten sozialen Gruppen (WHO 2025). Insofern sollten wir als Gesellschaft alles daran setzen, psychische Belastungen und Belastungsfaktoren zu reduzieren, denn Kinder und Jugendliche sind die Zukunft einer Gesellschaft – wenn diese krank sind, gibt es keine gesunde Zukunft.
KRF-Frage: Was macht dieser „Druck im Hinterkopf“ mit Jugendlichen, die sich in einer sensiblen Phase der beruflichen und persönlichen Identitätsfindung befinden?
Prof. Dr. Christiansen: Kinder und Jugendliche sind resilient, aber eben auch verletzlich, wie die Ausführungen oben zeigen. D. h., nur wenn sich Stress/Druck und Entspannung/Erholung die Waage halten, bleiben wir gesund. Die Studie Children’s Worlds+ untersucht die Bedürfnisse, Rechte und Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Sie zeigt, dass viele Kinder und Jugendliche nicht das Gefühl haben, gehört zu werden oder bei Entscheidungen mitreden zu können. Für die Studie wurden knapp 3.500 Kinder und Jugendliche im Alter von 8-14 Jahren quantitativ und qualitativ befragt. Die Ergebnisse resultieren in vier zentralen Befunden (Andresen, & Möller, 2019):
Kinder und Jugendliche haben ein starkes Bedürfnis nach Rechten, Beteiligung und Interaktionen auf Augenhöhe. Sie wünschen sich mehr Informationen über ihre Rechte, wollen ernst genommen und aktiv an Entscheidungen beteiligt werden. Viele der befragten Kinder und Jugendliche gaben an, das Gefühl haben, dass ihre Stimme nicht zählt – weder zu Hause noch in der Schule oder Gesellschaft.
Zugang zu guter und bedarfsgerechter Infrastruktur, die Sicherheit, Gewaltfreiheit und Vertrauen gewährleistet, ist relevant für ihr Wohlbefinden. Viele Kinder gaben an, sich in der Schule oder auf dem Schulweg nicht sicher zu fühlen, insbesondere wenn sie Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Gewalt gemacht hatten. Kinder aus finanziell belasteten Familien berichten häufiger von Unsicherheiten und Ausgrenzungserfahrungen.
Zeit mit und Zuwendung/Fürsorge durch andere sind bedeutsam. Kinder und Jugendliche wünschen sich ausreichend Zeit mit ihrer Familie und Freund*innen sowie verlässliche Beziehungen. Dabei sind altersabhängige Unterschiede zu berücksichtigen - jüngere Kinder wollen mehr Zeit mit ihren Eltern verbringen, ältere streben nach Autonomie. Unabhängig vom Alter ist die Unterstützung durch Eltern, Freunde oder Lehrkräfte relevant.
Finanzielle Absicherung: Finanzielle Sorgen beeinflussen das Erleben von Sicherheit, Lebenszufriedenheit und gesellschaftliche Teilhabe. Kinder aus ökonomisch schwachen Haushalten verfügen über weniger materielle Ressourcen, machen sich häufiger Sorgen um Geld und können seltener an kostenpflichtigen Freizeitaktivitäten teilnehmen. Dabei können sie realistisch einschätzen, was sie tatsächlich brauchen und haben keine übertriebenen Konsumwünsche.
Die Autorinnen schlussfolgern, dass Kinder/Jugendliche in Befragungen keine Wunschlisten äußern, sondern ihre Bedürfnisse differenziert einschätzen und konkrete Vorschläge machen, wie ihre Lebensumstände verbessert werden könnten. Eine stärkere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in politische Entscheidungsprozesse ist zu fordern, um Kinder und Jugendliche nicht nur als Objekte (gesundheits-)politischer Maßnahmen zu betrachten, sondern als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt und Zukunft ernst zu nehmen.
KRF-Frage: Inwiefern können verpflichtende Erhebungen in der Phase des Schulabschlusses einen Belastungsfaktor für die gesunde Entwicklung und Autonomie junger Erwachsener darstellen?
Prof. Dr. Christiansen: Autonomie-Abhängigkeitskonflikte sind ein normaler Entwicklungsfaktor in der Entwicklung von Kindern zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es ist eine Entwicklungsaufgabe, sich von Erwachsenen abzugrenzen und dafür auch Konflikte einzugehen. Das ist also völlig normal. Wenn Druck und Belastung allerdings zu hoch/zu viel werden, kann es zu Beeinträchtigungen der Gesundheit kommen. Insofern geht es darum, hier eine Balance zu halten. V.a. aber müssen Kinder/Jugendliche mit ihren Wünschen, Anliegen, Sorgen und Interessen ernst genommen werden und ihre Gesundheit muss eine zentrale Rolle in der Gesellschaft und Politik spielen. Die psychische Gesundheit junger Menschen steht angesichts globaler Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche stark unter Druck. Doch Kinder und Jugendliche sind nicht nur Betroffene, sondern entscheidende Akteure für eine resiliente, gerechte und demokratische Gesellschaft. Frühzeitige Prävention, partizipative Forschung und echte Beteiligung sind der Schlüssel, um ihre Chancen zu sichern und gesellschaftliche Spaltung zu verhindern. Denn Demokratie stirbt, wo Bildung und Beteiligung scheitern.
Dr. Hanna Christiansen ist W3‑Professorin für Klinische Kinder‑ und Jugendpsychologie an der Philipps‑Universität Marburg. Sie verfügt über eine breite klinisch‑psychologische Expertise, insbesondere in der Erforschung von ADHS, Traumafolgestörungen und psychischen Störungen im Kindes‑ und Jugendalter. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist sie auch Mitglied im Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) und leitet dort die Youth Mental Health Infrastruktur, die die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in den Lebenswelten Kita, Kindergarten und Schule fokussiert. Ihre Forschung kombiniert diagnostische, interventionelle und Versorgungsaspekte im Kontext kindlicher und jugendlicher psychischer Gesundheit. Darüber hinaus ist sie Herausgeberin der Fachzeitschrift Kindheit und Entwicklung.
Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview!
Über das KRF
Das KRF ist eine gemeinnützige Organisation mit Hauptsitz in Köln, die sich seit 2014 bundesweit für die Verwirklichung der Kinderrechte einsetzt. Herzstück der Arbeit ist die unabhängige Ombudsstelle für Kinderrechte, die jungen Menschen sowie ihren Familien und Bezugspersonen in ganz Deutschland bei Fragen, Beschwerden oder in Krisensituationen zur Seite steht.
Darüber hinaus basiert die Arbeit des KRF auf drei zentralen Säulen: individuelle Hilfe, politische Interessenvertretung (Lobbyarbeit) und die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements. Dabei stehen Digitalisierung, Demokratie, Gesellschaft und Nachhaltigkeit im Kontext von Kinderrechten stets im Vordergrund.
Seit Anfang 2020 ist das KRF gemäß §75 SGB VIII als Träger der freien Jugendhilfe öffentlich anerkannt und Mitglied im Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Seit Mitte 2025 verfügt das KRF außerdem über einen Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) und bringt seine Erfahrungen damit auch in den internationalen Kinderrechtsdiskurs ein.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.kinderrechteforum.org
Kontakt:
Janet Kinnert
Fachbereichsleitung Kommunikation
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