Interview & Position: "Eine vollständig pazifistische Gesellschaft kann nicht dauerhaft frei bleiben"
03.03.2026 | Blog
Die Welt ist unsicherer geworden – und Sicherheit wieder politischer Kernbegriff. Sara Finazzi Agrò und Marlene Flintrop sprechen mit Dr. Patrick Keller (DGAP) darüber, was Verteidigung heute bedeutet.
Warum rückt sie zurück ins Zentrum politischer Debatten? Welche Verantwortung trägt die junge Generation? Und wie lassen sich Friedensanspruch und sicherheitspolitische Realität miteinander vereinbaren?Dr. Keller analysiert geopolitische Verschiebungen, diskutiert Wehrdienst und Generationengerechtigkeit und betont: Sicherheit ist mehr als militärische Stärke – sie ist die Grundlage für Freiheit und Demokratie in Europa.
KRF: Wie erklären Sie sich, dass das Thema Sicherheit und Verteidigung derzeit so stark im Fokus steht? Welche politischen Entwicklungen haben aus Ihrer Sicht dazu beigetragen, dass es aktuell wieder an Bedeutung gewonnen hat?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Für mich wäre es interessanter zu beantworten, warum sie lange nicht im Fokus stand. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wir wollen sicher und frei leben können. Innerhalb einer Gemeinschaft aber auch über Staaten hinweg.
Nach der Wiedervereinigung war Deutschland erstmals von befreundeten Staaten umgeben und hat sich sicher gefühlt. Über viele Jahre sind wir davon ausgegangen, dass die weltpolitische Lage stabil bleibt und in Europa herrschte das Gefühl, dieser Frieden sei selbstverständlich. Das ist er aber natürlich nicht.
Besonders akut und sichtbar ist das seit der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022, die bereits mit der Annexion der Krim ihren Anfang nahm. Mit diesem Angriff hat sich die Sicherheitslage in Europa grundlegend verändert. Russland stellt die europäische Friedensordnung offen infrage und betrachtet die EU und ihre freiheitliche Lebensweise als Gegner.
Unsere europäischen Partner erwarten heute mehr Verantwortung von uns. Zugleich wachsen die Unsicherheiten, mit Blick auf Russland, aber auch auf die Verlässlichkeit der USA und den Einfluss Chinas.
All das führt dazu, dass Sicherheit und Verteidigung wieder ins Zentrum rücken und wir uns hier doch zunehmend unsicher fühlen: Weil wir in Europa unsere Freiheit, unsere Demokratie und unsere Lebensweise aktiv schützen müssen. Wir müssen etwas in die Waagschale legen können. Wir in Deutschland, in der EU und in Europa, müssen unsere Macht dafür einsetzen, dass wir nicht herumgeschubst werden.
KRF: Viele junge Menschen sehen sich mit dem Worst-Case-Szenario konfrontiert und verstehen die Wehrerfassung als Vorstufe zur Wehrpflicht. Wie wahrscheinlich ist es aus Ihrer Sicht, dass es tatsächlich zu einem verpflichtenden Wehrdienst für junge Menschen in Deutschland kommt?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Zunächst finde ich es gut, dass darüber überhaupt gesprochen wird. Es ist verständlich, dass viele junge Menschen irritiert oder verunsichert sind, weil die Kommunikation der Politik nicht besonders klar war. Viele wussten nicht: Was bedeutet das konkret? Ist das der erste Schritt zur Wehrpflicht?
Im Kern geht es aber darum, dass sich die sicherheitspolitische Lage verändert hat. Die Bedrohungen nehmen zu, und wir müssen uns in Europa stärker selbst um unsere Sicherheit kümmern. Das bedeutet auch, dass von den Bürgerinnen und Bürgern mehr Verantwortung erwartet wird.
Deutschland hat sich gemeinsam mit den NATO-Partnern verpflichtet, mehr zur Verteidigung beizutragen. Dafür braucht es nicht nur mehr Material, sondern auch mehr Personal. Die Bundeswehr ist derzeit deutlich zu klein, und deshalb wird über neue Wege nachgedacht, Menschen für diesen Dienst zu gewinnen.
Die Bundesregierung setzt dabei zunächst auf Freiwilligkeit. Der Fragebogen soll informieren und Interesse wecken und nicht automatisch zur Wehrpflicht führen. Wichtig ist: Niemand wird dadurch in den Krieg geschickt. Wehrdienstleistende gehen nicht in Auslandseinsätze.
Ziel ist es, mehr Menschen für die Bundeswehr zu gewinnen, die entweder dauerhaft bleiben oder später als Reservistinnen und Reservisten helfen können. Etwa bei Krisen, Katastrophen oder zur Sicherung unserer Verteidigungsfähigkeit.
KRF: Was ist mit den jungen Menschen, die sich einen freiwilligen Wehrdienst vorstellen können, danach aber eigentlich studieren oder eine Ausbildung machen wollen. Sie machen sich Sorgen, im Ernstfall als Erste eingesetzt zu werden. Können Sie diese Angst noch einmal einordnen?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Die Rechtslage ist hier eindeutig: Deutschland ist und bleibt ein Rechtsstaat. Freiwillig Wehrdienstleistende werden nicht automatisch in Auslandseinsätze oder Bündniseinsätze der Bundeswehr geschickt. Dafür wäre eine zusätzliche, ausdrückliche Verpflichtung nötig. Die Sorge, im Ernstfall als Erste eingesetzt zu werden, ist daher rechtlich unbegründet.
Aus Gesprächen mit vielen jungen Menschen weiß ich allerdings, dass sich die Perspektive während des Dienstes oft verändert. Manche beginnen mit dem Gedanken, nur kurz zu bleiben, entdecken aber im Laufe der Zeit eine sinnstiftende Aufgabe und ein starkes kameradschaftliches Umfeld. Viele entscheiden sich dann bewusst, länger zu bleiben und ihre Fähigkeiten für Deutschland einzubringen.
Das schließt Studium oder Ausbildung nicht aus. Die Bundeswehr ist einer der größten Ausbilder Deutschlands und vermittelt zahlreiche Qualifikationen, die auch im zivilen Berufsleben genutzt werden können. Zudem gibt es eigene Bundeswehruniversitäten mit anerkannten Abschlüssen. Diese Möglichkeiten sind vielen kaum bekannt, weil die Bundeswehr in den letzten Jahren aus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt ist. Das sollte sich ändern, denn Demokratie lebt vom Mitmachen, auch im militärischen Bereich.
KRF: Liegt der hohe Bedarf auch an einem Imageproblem? Oder ist das wirklich politischer Fokus, der sich verschoben hat?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Sowohl als auch. Die Bundeswehr hat in weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor ein erhebliches Imageproblem, das zum Teil auch nicht ganz unverdient ist. Es gibt eine Reihe von Einzelfällen, bei denen sich Teile der Truppe in einem völlig inakzeptablen Licht zeigen. Das Imageproblem wurde dadurch verstärkt, dass der Wehrdienst ausgesetzt wurde und die Bundeswehr stärker aus dem gesellschaftlichen Alltag verschwunden ist. Dadurch wurden überproportional viele Bewerber angezogen, die von sich aus Lust auf Militär und den Dienst an der Waffe haben. Unter denen gibt es auch Menschen, die ein eher autoritäres Weltbild vertreten. Das prägt das öffentliche Bild bis heute stark.
Und das, was ich jetzt sage, ist hoch unfair gegenüber der übergroßen Mehrheit von Soldatinnen und Soldaten, die bis ins Letzte liberale Demokraten sind und aus idealistischer Überzeugung etwas für die Gemeinschaft tun wollen. Aber es ist immer gut, wenn viel Licht hinfällt, wenn viele Leute draufschauen, das führt zu mehr Transparenz und Fortschritt.
Gleichzeitig hat sich der politische Fokus in den letzten Jahren verschoben. Deshalb gibt es verstärkte Bemühungen, die Bundeswehr aktiv wieder sichtbarer zu machen und stärker in die Gesellschaft zu integrieren, etwa durch mehr öffentliche Präsenz von Soldatinnen und Soldaten oder durch öffentliche Gelöbnisse. Das ist wichtig, denn die Bundeswehr ist ein Verfassungsorgan und letztlich ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wenn sie gut funktionieren soll, müssen wir uns auch aktiv um ihr Bild und ihre personelle Basis kümmern.
KRF: Wir haben jetzt schon über die Jugendlichen gesprochen, die sich das prinzipiell vorstellen könnten. Ich würde gerne noch einmal über diejenigen reden, die überzeugt sind: ich bin ein friedlicher Mensch, ich kann mir das nicht vorstellen. Wie sehen Sie dieses Spannungsverhältnis von dem eigenen Bedürfnis nach Frieden und Friedlichkeit und dem gleichzeitigen Bedarf, Frieden zu schaffen und Frieden zu schützen?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Das ist eine ganz wichtige Frage, die letztlich jeden Einzelnen von uns im Gewissen beschäftigt. Dem Frieden sind wir hoffentlich alle verpflichtet, das ist im Grundgesetz fest verankert und Teil unserer gemeinsamen Ordnung. Deutschland ist dem Frieden in der Welt verpflichtet, und das gilt ausdrücklich auch für die Bundeswehr. In diesem Sinne ist die Bundeswehr, so paradox es klingen mag, eine Friedensarmee: Sie dient dazu, Frieden zu ermöglichen, zu schützen und im Ernstfall zu verteidigen.
Deshalb ist es kein Widerspruch, sich als friedlicher Mensch zu verstehen und dennoch den Dienst in der Bundeswehr nicht grundsätzlich auszuschließen. Wer dem Frieden dienen will, muss nicht automatisch den Dienst an der Waffe ablehnen. Anders ist es allerdings beim konsequenten Pazifismus, also der absoluten Ablehnung jeglicher Gewalt. Hier entsteht ein echter Konflikt, denn die Bundeswehr ist dafür da, im äußersten Notfall Gewalt anzuwenden, um Demokratie, Freiheit und Frieden zu schützen. Genau deshalb sieht unsere Verfassung die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen vor. Niemand kann zur Bundeswehr gezwungen werden, wenn tief verankerte Überzeugungen dem entgegenstehen.
Aus meiner persönlichen und politikwissenschaftlichen Überzeugung heraus glaube ich jedoch, dass eine vollständig pazifistische Gesellschaft in der Welt, wie sie ist, nicht dauerhaft frei bleiben kann. Nehmen wir den Fall der Ukraine. Die Menschen, die dort sagen, ich bin Pazifist, ich greife nicht zur Waffe, die müssen im Moment hinnehmen was das bedeutet. Ich muss das in aller Deutlichkeit sagen: Menschen werden verfolgt, gefoltert, vergewaltigt, Kinder verschleppt und indoktriniert. Das hinzunehmen, um einem abstrakten Prinzip der Gewaltlosigkeit treu zu bleiben, halte ich politisch nicht verantwortbar.
Wer Verantwortung für eine Gesellschaft trägt, dient dem Frieden deshalb auch dadurch, dass er im Extremfall bereit ist, ihn mit Gewalt zu verteidigen. Diese Tragik gehört zur menschlichen Natur. Solange es Gewalt und Aggression gibt, stehen alle anderen unter Druck, ob sie wollen oder nicht. Diesem Druck zu widerstehen, ist Auftrag der Bundeswehr und der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
KRF: Würden Sie sagen, dass mehr Aufrüstung auch zu mehr Frieden führt oder führen kann? Es wird auch mit dem Sicherheitsparadoxon argumentiert, also der Idee, dass eine zunehmende Militarisierung den Krieg nur wahrscheinlicher macht. Was würden Sie dazu sagen?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Was Sie beschreiben, ist der Gedanke, dass man sagt, wenn ein Staat sich stärker bewaffnet und sich mehr militärische Möglichkeiten verschafft, dass das seine Nachbarn ängstigt. Man sagt: Jetzt haben die so viele Möglichkeiten, die könnten uns morgen überfallen, also rüsten wir lieber selber auf, um dem entgegenzustehen.
So entstehen Rüstungsspiralen, weil das in beide Richtungen gilt. Wenn man nicht miteinander redet, keine vertrauensbildenden Maßnahmen schafft und keine Transparenz herstellt, geht diese Spirale weiter und kann am Ende zu einer Situation führen, in der ein Staat sagt: Ich muss lieber jetzt angreifen, als dass ich morgen selber überfallen werde - obwohl ich eigentlich gar nicht aggressiv bin, sondern aus Angst und aus der Logik dieser Rüstung heraus. Das ist das Sicherheitsparadoxon oder, wie es in der Politikwissenschaft meist genannt wird, das Sicherheitsdilemma.
Wichtig ist, dass es nicht nur ein Paradoxon, sondern auch ein Dilemma ist. Denn während diese Dynamik zu einem quasi ungewollten Krieg führen kann, ist auf der anderen Seite nicht aufzurüsten oder keine militärischen Fähigkeiten zu haben, auch keine gute Option. Solange es jemanden gibt, der Böses will und Böses kann, muss man sich vor ihm schützen können.
Man kann also weder nur rüsten noch gar nicht rüsten. Man muss einen Weg dazwischen finden. Deshalb ist es so wichtig, über Diplomatie Vertrauen und Transparenz zu schaffen und sich gegenseitig darüber in Kenntnis zu setzen, was man kann und was man will. Das ist der Grund, warum Deutschland und Frankreich heute keine Angst mehr voreinander haben.
Mit Putins Russland ist das im Moment nicht möglich. Da gibt es keine Verhandlungsmasse, sondern die klare Ansage: Wir wollen dieses Gebiet und Ende. Und eigentlich wollen wir auch die EU zerstören, weil diese Art zu leben als Bedrohung empfunden wird. Natürlich muss man im Gespräch bleiben, aber in so einer gewaltgeladenen Situation muss man das aus einer Position der Stärke tun. Europa hat in den letzten 30 Jahren massiv abgerüstet. Russland nicht: Dort wurde auf Kriegswirtschaft umgestellt. Während wir zwei bis drei Prozent unseres Bruttosozialprodukts für Verteidigung ausgeben, fließen dort rund 40 Prozent des Staatshaushalts ins Militär.
Dem müssen wir etwas entgegensetzen, damit sich das Kalkül in Moskau ändert. Wir dürfen nicht erpressbar sein und nicht in Angst leben. Und deswegen glaube ich, dass es im Moment, trotz dieses Sicherheits- und Rüstungsdilemmas, der richtige Weg ist, unsere militärischen Fähigkeiten zu erhöhen.
KRF: Also würden Sie sagen, dass Diplomatie aktuell keine realistische Alternative ist?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Naja, Diplomatie ist eine Alternative in dem Sinne, dass man das eine tun kann, ohne das andere zu lassen. Ich finde schon, dass Diplomatie wichtig ist, und das passiert im Moment auch - konkret am Beispiel der Ukraine.
Selenskyj spricht regelmäßig mit den Europäern, und die Europäer versuchen, mit Trump und seinen Leuten ein Einvernehmen zu erzielen. Der Einzige, der nicht redet, ist Putin. Er ist der Einzige, der in der Ukraine-Frage noch nicht mit Selenskyj an einem Tisch saß, weil er auf Maximalforderungen besteht und im Moment sieht, dass es militärisch in seine Richtung läuft, wenn auch langsam und unter hohen Verlusten. Er glaubt, er könne das noch zwei, drei Jahre durchhalten und am Ende das Ergebnis bekommen, das er will.
Das heißt, ich bin sehr für Diplomatie. Aber Diplomatie muss man manchmal erzwingen. Das Militärische, sogar der Einsatz des Militärs, aber vor allen Dingen die Drohung mit Militär, kann der Diplomatie helfen, überhaupt Gesprächsbereitschaft und Kompromisse zu erzeugen.
KRF: Wenn wir einen Schritt zurück gehen zum generellen Sicherheitsverständnis, vor allem für die Generation, die in den letzten 20, 30 Jahren der augenscheinlichen Ruhe aufgewachsen ist: Was gehört - jenseits militärischer Einsätze - noch zu diesem Sicherheitsverständnis, das wir fast als garantiert angenommen haben? Was steht dabei auf dem Spiel?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Im Prinzip gehört alles, was wir im Alltag kennen, zum Sicherheitsverständnis dazu. Das Militärische ist dabei nur das ganz scharfe Ende eines langen Spektrums. Dazu zählt etwa die Sicherheit auf unseren Straßen, eine funktionierende Polizei, aber auch soziale Kontrolle und eine gemeinsame Kultur, in der klar ist, was man tut und was man lässt.
Im Kontext der internationalen Politik umfasst Sicherheit neben dem Militär viele weitere Dimensionen: wirtschaftliche Sicherheit, funktionierende Lieferketten, offene Märkte und die Möglichkeit, frei Handel zu treiben. Dazu kommt die Sicherheit unserer Infrastruktur, insbesondere im digitalen Raum - also der Schutz von Netzwerken im Cyberspace vor Spionage, Sabotage oder Erpressung.
Diese Stabilität von Energieversorgung, Logistik und digitaler Infrastruktur ist ein fragiles System, das wir widerstandsfähiger machen müssen, damit wir in Krisen und Konflikten - das müssen nicht nur militärische sein, das können auch Naturkatastrophen sein - nicht so verwundbar sind, sondern weiter so leben und miteinander kommunizieren können, wie wir das wollen. Dazu gehören auch freie Medien, Stromversorgung, Handel und freies Reisen.
Wenn man auf die Generation blickt, die in den vermeintlich friedlichen Zeiten aufgewachsen ist, muss man sagen: Ganz so friedlich waren diese 30 Jahre nicht - 9/11, Afghanistan, die Balkan Kriege. Aber vieles erschien weit weg oder wie etwas, das man outsourcen konnte. Das ändert sich gerade. Es entsteht wieder das Gefühl, dass große Politik direkte Auswirkungen auf den eigenen Alltag haben kann, weil es Abhängigkeiten gibt, die uns unmittelbar betreffen.
Gerade diejenigen, die in diese Zeit hineingeboren wurden - ich selbst gehöre auch dazu - , müssen sich vergegenwärtigen, dass das, was wir haben, nicht selbstverständlich ist. Freies Reisen, Sicherheit, Frieden in Europa sind ein enormes Erfolgsprojekt. Der Naturzustand ist gewalttätig, und es ist unsere zivilisatorische Leistung, das zu überwinden - durch Aufklärung, Bildung und eben auch durch kluge Politik. Und dazu gehört auch die militärische Verteidigung gegenüber denjenigen, die ihre Interessen gegen uns sonst mit Gewalt durchsetzen.
KRF: Sie haben vorhin gesagt, auf der jüngeren Generation lasteten hohe Erwartungen. Es ist klar, dass sich entsprechende Initiativen nicht an die Über-50- oder Über-60-Jährigen richten, aber gibt es Ihrer Meinung nach eine Generationenungerechtigkeit?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Na klar gibt es da eine Generationenungerechtigkeit. Ich war auch ein Verweigerer. Ich habe damals aus Gewissensgründen verweigert, auch weil ich nicht verstanden habe, wofür man diese Bundeswehr brauchte. Das war 1997 vielleicht nicht so klar wie heute, und die Geschichten, die ich gehört habe, hatten mehr mit Gammeldienst zu tun als mit einer sinnstiftenden Tätigkeit.
Aber ja, die jungen Leute müssen heute eine Aufgabe übernehmen, die die 60- oder 70-Jährigen so nicht mehr erfüllen können. Wollen Sie, dass die 70-jährige Oma mit der Handgranate im Schützengraben auftaucht? Dann doch lieber die Jüngeren, wenn es denn sein muss. Die Älteren haben andere Aufgaben, die sie schultern müssen.
Ich glaube, es geht in der Gesellschaft um einen ständigen Aushandlungsprozess: Was ist möglichst fair, und wer kann nach seinen Möglichkeiten beitragen, damit wir als Gesellschaft gut über die Runden kommen. Vielleicht zahlen die Älteren dann mehr Steuern, und die Jüngeren bekommen dafür ein kostenloses Studium, wenn sie einen Dienst für die Gesellschaft leisten. Das kann auch ein guter Deal sein - anderswo müssen sich junge Menschen verschulden, um studieren zu können.
Es gibt viele solcher Trade-offs, und sicher ist nicht alles gerecht. Aber ich würde sagen, ein Gesellschaftsjahr - es muss ja nicht nur bei der Bundeswehr sein - wäre vertretbar, um den Gemeinschaftsgedanken zu stärken. Ehrlich gesagt würde ich mir das dann auch von Leuten meiner Generation wünschen, dass sie sich ebenfalls einbringen, etwa bei der Reserve oder freiwillig bei der Feuerwehr. Das ist ein Thema, das uns alle angeht und weit über dieses Dienstjahr hinausgeht.
KRF: Abschließend ganz konkret an die Jugendlichen. Wenn Sie sich ein sicheres Europa wünschen, aber der Wehrpflicht skeptisch gegenüberstehen, was würden Sie ihnen raten? Wie können sich Jugendliche für ein sicheres Europa engagieren?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Ich glaube, sich für ein sicheres Europa zu engagieren, ist etwas, was uns alle beschäftigen sollte. Ich weiß, dass es Themen gibt, die einem näher liegen und alltagstauglicher erscheinen. Aber wir haben in diesem Gespräch gut gezeigt, dass dieses sichere Europa der Rahmen ist, der uns alles andere ermöglicht.
Und deswegen sollten wir dafür sorgen, dass dieser Rahmen stabil bleibt. Wie macht man das? Ich glaube, da gibt es viel grundlegendere Schritte, als jetzt nur über den Wehrdienst zu sprechen.
Das Allerwichtigste ist: Macht euch schlau. Hört euch verschiedene Perspektiven an, lernt zu unterscheiden, wer euch nur etwas verkaufen oder Gefolgschaft abverlangen will und wer euch nach bestem Wissen und Gewissen informieren möchte. Welchen Quellen kann man trauen? Welche Nachrichten haben eine gewisse Belastbarkeit? Findet das heraus und seid eifrig dabei, auf diesen Wegen mehr darüber zu lernen, wie die Welt funktioniert - nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und darüber hinaus. Versucht zu verstehen, was jemanden wie Trump oder die Amerikaner umtreibt.
Lest viel, schaut Dokumentationen und hört Podcasts von denen, die ihr als vertrauenswürdig erkannt habt. Ich glaube, das ist der erste Schritt. Je mehr man weiß, desto mehr kann man sich engagieren, weil man nicht mehr so unsicher ist, wo man anfangen soll.
Dann fallen euch schon Möglichkeiten ein, wie ihr euch einbringen könnt - sei es beim THW, in der Freizeit, bei der Freiwilligen Feuerwehr, den Malteser Hilfsdiensten oder vielleicht sogar in einer politischen Partei. Denn so ist unsere Gemeinschaft ja organisiert. Die Parteien sind nicht nur Ansammlungen von Menschen, die Macht und Geld für sich wollen, sondern Organisationen von Bürgerinnen und Bürgern, die versuchen, unser Leben besser zu gestalten.
Macht euch schlau, redet mit Abgeordneten und Vertretern der Parteien in eurer Nachbarschaft, versteht, was ihnen wichtig ist, und überlegt dann, ob ihr euch dort engagieren wollt. Geht wählen, wenn ihr wahlberechtigt seid - angefangen auf kommunaler Ebene bis zur Europawahl. Das sind die Ermunterungen, die ich gerne jungen Menschen mitgeben würde.
KRF: Würden Sie sich heute zum Wehrdienst freiwillig melden?
Dr. Patrick Keller, DGAP
Absolut.
Dr. Patrick Keller ist Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Der Politikwissenschaftler studierte in Bonn und Washington und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik. In der DGAP beschäftigt er sich unter anderem mit europäischer Rüstungskooperation und der Modernisierung der Streitkräfte.
Wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview!
Über das KRF
Das KRF ist eine gemeinnützige Organisation mit Hauptsitz in Köln, die sich seit 2014 bundesweit für die Verwirklichung der Kinderrechte einsetzt. Herzstück der Arbeit ist die unabhängige Ombudsstelle für Kinderrechte, die jungen Menschen sowie ihren Familien und Bezugspersonen in ganz Deutschland bei Fragen, Beschwerden oder in Krisensituationen zur Seite steht.
Darüber hinaus basiert die Arbeit des KRF auf drei zentralen Säulen: individuelle Hilfe, politische Interessenvertretung (Lobbyarbeit) und die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements. Dabei stehen Digitalisierung, Demokratie, Gesellschaft und Nachhaltigkeit im Kontext von Kinderrechten stets im Vordergrund.
Seit Anfang 2020 ist das KRF gemäß §75 SGB VIII als Träger der freien Jugendhilfe öffentlich anerkannt und Mitglied im Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Seit Mitte 2025 verfügt das KRF außerdem über einen Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) und bringt seine Erfahrungen damit auch in den internationalen Kinderrechtsdiskurs ein.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.kinderrechteforum.org
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