Gewalt gegen Minderjährige im Sport wird systematisch unterschätzt: KRF fordert verbindliche Schutzstandards

01.06.2026 | Presse

Sportvereine gelten für Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland als Orte der Gemeinschaft, Förderung und persönlichen Entwicklung. Doch hinter diesem Bild verbirgt sich eine Realität, die noch immer systematisch unterschätzt wird: Gewalt gegen Minderjährige im organisierten Sport.
Das KinderRechteForum (KRF) fordert deshalb verbindliche Schutzkonzepte und strukturelle Reformen, um Kinder und Jugendliche wirksam vor physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt zu schützen.



Studien zeigen alarmierendes Ausmaß von Gewalt im Sport

„Sport kann ein enorm wichtiger Schutz- und Entwicklungsraum für Kinder sein. Gerade deshalb ist es unerträglich, wenn genau dort Machtmissbrauch, Grenzverletzungen und Gewalt stattfinden“, erklärt Üwen Ergün, Vorsitzender der Geschäftsführung des KRF. „Ob Kinder vor Gewalt und Übergriffen geschützt werden, darf nicht vom Engagement einzelner Vereine abhängen, sondern muss verbindlicher Standard im gesamten organisierten Sport werden.“

Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen ein alarmierendes Ausmaß der Problematik. Laut der Safe-Sport-Studie berichten 48 Prozent der befragten Mädchen und 23 Prozent der Jungen von Erfahrungen sexualisierter Gewalt im Sportkontext. Die SicherImSport-Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zeigt zudem, dass 65 Prozent der Betroffenen bereits als Minderjährige erste Übergriffe erlebt haben, 32 Prozent sogar vor dem 13. Lebensjahr. Täter:innen sind in der überwiegenden Mehrheit der Fälle männlich, über 80 Prozent der Gewalt geht von Trainer:innen aus.

Abhängigkeiten und fehlende Beschwerdewege schaffen Risiken

“Gewalt im Sport darf nicht als Einzelfall oder individuelles Fehlverhalten verharmlost werden”, betont Janet Kinnert, Leiterin des Fachbereichs Kommunikation und verantwortlich für die politische Interessenvertretung beim KRF. „Strukturelle Bedingungen wie starke Abhängigkeitsverhältnisse, starre Hierarchien und fehlende Beschwerdestrukturen schaffen ein Umfeld, in dem Grenzverletzungen erleichtert und Betroffene häufig zum Schweigen gebracht werden.“ 

Neben sexualisierter Gewalt umfassen die dokumentierten Übergriffe auch psychische Gewalt durch Einschüchterung, Demütigung und massiven Leistungsdruck sowie körperliche Gewalt und strukturelle Formen der Machtausübung. Diese Gewaltformen treten häufig gemeinsam auf und beginnen oft schleichend über längere Zeiträume hinweg.

Zwar hätten einzelne Vereine und Verbände in den vergangenen Jahren wirksame Kinderschutzkonzepte entwickelt, die flächendeckende Umsetzung bleibe jedoch unzureichend. Gerade kleinere Vereine stünden häufig vor erheblichen personellen und finanziellen Herausforderungen. Das dürfe jedoch keine Rechtfertigung für fehlenden Kinderschutz sein.

KRF fordert verbindliche Schutzstandards für alle Vereine

Das KinderRechteForum (KRF) fordert daher verbindliche Mindeststandards für alle Sportvereine und -verbände. Dazu gehören insbesondere:

  • die Benennung qualifizierter interner und externer Ansprechpersonen,

  • verpflichtende erweiterte Führungszeugnisse für alle Mitarbeitenden mit Kontakt zu Minderjährigen,

  • klare Verhaltensregeln und Schutzkonzepte unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen,

  • transparente Verfahrenspläne für Verdachtsfälle,

  • regelmäßige Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen.

Darüber hinaus fordert das KRF von Politik, Dachverbänden und großen Vereinen den Ausbau unabhängiger Beratungsstellen sowie die verbindliche Integration des Themas Kinderschutz in Trainer:innenausbildungen und Qualifizierungsprogramme.

„Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Schutz, auch und gerade im Sport“, betont die Kinderschutzexpertin Helen Mey. „Wer junge Menschen fördert, trägt Verantwortung. Kinderschutz darf deshalb niemals freiwillige Zusatzaufgabe sein, sondern muss grundlegender Bestandteil jeder sportlichen Arbeit mit Minderjährigen werden.“





Über das KRF 

Das KRF ist eine gemeinnützige Organisation mit Hauptsitz in Köln, die sich seit 2014 bundesweit für die Verwirklichung der Kinderrechte einsetzt. Herzstück der Arbeit ist die unabhängige Ombudsstelle für Kinderrechte, die jungen Menschen sowie ihren Familien und Bezugspersonen in ganz Deutschland bei Fragen, Beschwerden oder in Krisensituationen zur Seite steht.

Darüber hinaus basiert die Arbeit des KRF auf drei zentralen Säulen: individuelle Hilfe, politische Interessenvertretung (Lobbyarbeit) und die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements. Dabei stehen Digitalisierung, Demokratie, Gesellschaft und Nachhaltigkeit im Kontext von Kinderrechten stets im Vordergrund.

Seit Anfang 2020 ist das KRF gemäß §75 SGB VIII als Träger der freien Jugendhilfe öffentlich anerkannt und Mitglied im Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Seit Mitte 2025 verfügt das KRF außerdem über einen Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) und bringt seine Erfahrungen damit auch in den internationalen Kinderrechtsdiskurs ein. 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.kinderrechteforum.org 

Kontakt: 

Janet Kinnert
Fachbereichsleitung Kommunikation
Email: oeffentlichkeitsarbeit@k-r-f.org